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90 Jahre Besucherorganisation Volksbühne Oldenburg am 24. Oktober 2014 im Oldenburgischen Staatstheater

 

Herr Wesselmann, hat mich aus Anlass des 90jährigen Bestehens der Volksbühne Oldenburg gebeten, bei diesem Empfang ein Grußwort zu sprechen.

Mich hat diese Bitte überrascht, denn ich habe seit vielen Jahren keine offiziellen Funktionen mehr. Aber in der Vergangenheit habe ich mehrfach Mitverantwortung für das Staatstheater getragen und mich für seine Belange und seine ungeschmälerte Existenz eingesetzt. Begonnen vor 40 Jahren als Präsident des damaligen Niedersächsischen Verwaltungsbezirks Oldenburg, als oldenburger Landtagsabgeordneter, als Oberbürgermeister der Stadt und nicht zuletzt als Präsident des Niedersächsischen Landtages bei der Verabschiedung der Niedersächsischen Verfassung mit dem Erhalt der sogenannten Traditionsklausel, die die Existenz unseres Staatstheaters garantiert.

Das alles ist lange her, von vielen schon vergessen. Wenn ich dennoch dem Wunsch entsprochen habe, dann, weil ich mich - gemeinsam mit meiner Frau - dem Staatstheater über alle späteren Jahre bis heute als treuer Besucher nach wie vor verbunden weiß.

Hinzu kommt auch mein Lebenslauf, in dem die deutsche Gewerkschaftsbewegung eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Das vorausgeschickt, freue ich mich, dass wir heute das 90jährige Bestehen der Volksbühne Oldenburg feiern dürfen. Dieser Anlass ist Grund genug, um im Zeitraffer auf die Vergangenheit zurückzublicken.

Die Volksbühnen sind - wie auch die Volkshochschulen und die Arbeitersportvereine – aus der Idee der Arbeiterbildungsbewegung hervorgegangen. Ich erinnere an den Beginn der Volksbühnenbewegung im Jahr 1890. Damals - also ein Vierteljahrhundert vor dem ersten Weltkrieg - wurde in Berlin die Freie Volksbühne gegründet. Es war die Zeit, in der Reichskanzler Bismarck von Kaiser Wilhelm II. aus seinem Amt entlassen wurde. Zeitgleich wurde das seit 1878 bestehende Sozialistengesetz aufgehoben. Damit kehrte erstmalig ein Stück Freiheit in die deutsche Gesellschaft und hauptsächlich in die Arbeiterschaft ein.Gerungen wurde um ein freies und gleiches Wahlrecht, wie es Ferdinand Lassalle forderte.

Aber die Führer der Arbeiterbewegung wussten auch: Wissen ist Macht, Bildung ist Macht, weil Wissen und Bildung für die politische Entwicklung, für die Stärkung der Demokratie und für größere soziale Gerechtigkeit unabdingbare Voraussetzungen waren. Zur Bildung gehörte damals wie heute das Theater. An einigen Spielorten organisierten die Gewerkschaften an der Zensur vorbei geschlossene Aufführungen. Sozialkritische Stücke wie die von Gerhart Hauptmann - ich nenne gern Die Weber oder Ein Volksfeind von Ibsen - waren im Kaiserreich von der Obrigkeit nicht gern gesehen. Die Freiheit war immer noch sehr eingeschränkt.

1914 begann der barbarische 1. Weltkrieg, es kam zum Versailler-Diktat, der Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit der Inflation und der damit verbundenen Massenarbeitslosigkeit. Es war eine heute nicht mehr vorstellbare Notzeit. Ein Theaterbesuch war ein ausgesprochener Luxus. Zum Hunger dieser Jahre gehörte auch der geistige Hunger. Die Schikanen der Zensurbehörden waren 1919 beendet.

Die Theater waren seitdem frei in allem was sie spielten. „Die freie Kunst dem freien Volke,das freie Volk für die Kunst".

In dieser Zeit wurde am 28. Mai 1924 im Sitzungssaal des Oldenburgischen Landtages in Anwesenheit von Oberbürgermeister Dr. Theodor Goerlitz und des Theaterintendanten Richard Gsell die Volksbühne Oldenburg gegründet. Das war eine große und weitsichtige Tat. Schon im August hatte die Volksbühne über zweitausend Mitglieder, deren Zahl bis 1933 auf 3.600 anstieg. Zu diesem Erfolg trug unser Oldenburger Heimatdichter August Hinrichs wesentlich bei. Das sage ich hier ausdrücklich an die Adresse des Oldenburger Stadtrates.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde allen Volksbühnen die Existenz entzogen. Die Freie Volksbühne Oldenburg wurde - wie viele andere Organisationen, Verbände und Vereine - im Mai 1933 verboten, das Archivmaterial, die vorhandenen Gelder und die Büroeinrichtung beschlagnahmt. Dazu wurde sie im Vereinsregister gelöscht. Es gab sie nicht mehr.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag Deutschland danieder. Wiederum herrschten Hunger, Wohnungsnot und das Leid der vom Krieg Geschlagenen. Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert und Des Teufels General von Carl Zuckmayer waren damals die ersten Theaterstücke, die ich gesehen habe.

Fast auf den Tag genau drei Jahre nach Kriegsende wurde in dieser schweren Zeit die Oldenburger Volksbühne am 5. Mai 1948 wiedergegründet. Der alte Geist war nicht tot, er hat überlebt. Zu den Gründungsmitgliedern, die nicht vergessen werden dürfen, gehören Walter Seemann, Dr. Kurt Schäfer, Prof. Bruno Kunze und mein Freund, der Gewerkschaftssekretär Erwin Fritsche. Sie leisteten mit anderen die schwierige Aufbauarbeit. In einer großen Werbeaktion wurden wieder Mitglieder gewonnen und der Bestand der Volksbühne gesichert.

Heute schauen wir dankbar zurück. Wenn früher die Volksbühnen als sozialistisch verdächtig galten, so hat das nichts mehr mit der gegenwärtigen Wirklichkeit zu tun. Die Volksbühnen sind überparteilich. Und so hat sich in den vergangenen 90 Jahren in atemberaubender Weise vieles gewandelt. Das Theater aber hat nach wie vor neben anderen Institutionen seinen weitgefächerten gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag behalten. Es ist in unserer werteverlierenden Zeit wichtiger denn je, weil immer noch Recht und Wahrheit eher auf der Bühne zu finden sind als in unserer viel zu sehr verlogenen Welt.

Kant hat uns aufgefordert, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Diese Aussage hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Sie ist aktueller denn je und wird wegen nicht endender Kriege um des Friedens willen in ihrer Gültigkeit noch gesteigert. Jedes Kunstwerk, jedes Schauspiel, jedes Konzert erzählt uns eine Geschichte. Wir müssen nur bereit sein, richtig zu sehen und richtig zu zuhören. Die modernen Medien, das Fernsehen - nicht nur das private - und die sozialen Netzwerke sind alle mehr oder weniger den Marktkräften unterworfen und sind deswegen wahrhaftig keine vorbildlichen Bildungsanstalten.

Deshalb muss es das Ziel und der Auftrag auch unserer Oldenburger Volksbühne bleiben, möglichst weite Bevölkerungskreise, voran die Jugend, für eine anspruchsvolle Kunstpflege, ganz besonders für Theaterbesuche zu gewinnen. Dafür wünsche ich der Volksbühne allen Erfolg. Profiteure sind die Abonnenten, aber auch das Staatstheater, das sich auf einen garantierten Besucherkreis verlassen kann.

Meine Damen und Herren, lassen sie mich mit den Schlussworten aus Schillers Prolog in seinem Wallenstein mit meiner Glückwunschrede zum Ende kommen: Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.

In diesem Sinne dürfen wir alle froh und glücklich sein, dass wir hier in Oldenburg unser Staatstheater haben, das wegen seines Bildungsauftrages nicht den Marktkräften unterworfen ist, sondern ernst und heiter seinen Auftrag erfüllen kann. Darüber hinaus können wir uns jetzt noch auf einen neuen Intendanten freuen.

Ihnen, Herr Firmbach, wünsche ich Glück und Erfolg in diesem Hause.

Allen Mitgliedern der Volksbühne gratuliere ich zu diesem hohen Jubiläum, auch im Gedenken an die, die vor uns waren. Stellvertretend für den gesamten Vorstand danke ich dem Vorsitzenden Herrn Jürgen Wesselmann für seine von Idealen getragene ehrenamtliche Arbeit.

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